Ein Mal monatlich werde ich in diesem Blog geglückte, glückliche Momente festhalten, und ebenso die unglücklichen, welche, die zum Nachdenken anregen, und welche, die einen kleinen Einblick bieten in das, was die Kinder und ich miteinander erleben und erarbeiten.
Kathrin Feldmann, Ganztagspädagogin
Sozusagen grundlos vergnügt
Ich freu mich, dass am Himmel Wolken ziehen und dass es regnet, hagelt, friert und schneit. Ich freu mich auch zur grünen Jahreszeit, Wenn Heckenrosen und Holunder blühen.
Dass Amseln flöten und dass Immen summen, dass Mücken stechen und dass Brummer brummen.
Dass rote Luftballons ins Blaue steigen.
Dass Spatzen schwatzen und dass Fische schweigen.
Ich freu mich, dass der Mond am Himmel steht
Und dass die Sonne täglich neu aufgeht.
Dass Herbst dem Sommer folgt und Lenz dem Winter,
Gefällt mir wohl, da steckt ein Sinn dahinter,
Auch wenn die Neunmalklugen ihn nicht sehn.
Man kann nicht alles mit dem Kopf verstehn!
Ich freue mich. Das ist des Lebens Sinn.
Ich freue mich vor allem, dass ich bin.
In mir ist alles aufgeräumt und heiter:
Die Diele blitzt. Das Feuer ist geschürt. An solchem Tag erklettert man die Leiter, die von der Erde in den Himmel führt. Da kann der Mensch, wie es ihm vorgeschrieben, – weil er sich selber liebt- den Nächsten lieben. Ich freue mich, dass ich mich an das Schöne und an das Wunder niemals ganz gewöhne.
Dass alles so erstaunlich bleibt, und neu!
Ich freu mich, dass ich…
dass ich mich freu.
(Mascha Kaleko)
Glück:
Es ist Dezember, der erste Schnee ist gefallen und die Kinder sind glückselig darüber. Jede Flocke ist von einzigartiger Schönheit, so, wie jeder Mensch auf dieser Welt. Die Kinder basteln eine neue Glücksbox, in die auch neue Karten kommen, die gezogen werden dürfen, wenn ein Kind traurig ist.
Nachdem jedes Kind einen Brief für einen Bewohner der Seniorenresidenz „Curanum“ geschrieben hatte, erhielten wir nun die Antworten in einem großen goldenen Sack zusammen mit Glücksmünzen und liebevoll gestalteten Briefen. Fast alle waren an ein Kind direkt adressiert, so dass es nun Briefpatenpaare gibt.
Wir sprechen über Weihnachten und die Kinder erzählen, wie sie es feiern und was sie sich am meisten wünschen: Nintendo, Tablett, Spielkonsole. Ein Junge antwortet: Frieden.
Ich lenke unser Gespräch auf den Sinn dieses Festes, und sofort verändert sich die Stimmung: die meisten sind beglückt vom Gedanken, dass es dabei um Liebe geht, das hatten die Meisten nicht gewusst. Sie überlegen sich, wo überall sie Liebe schenken und wo sie welche empfangen: zu Hause, mit Eltern und Geschwistern, bei Freund:innen, doch auch mit Tieren und in der Natur.
Für die Senior:innen des Hauses Curanum basteln wir kleine Geschenke, die sich als viel diffiziler herausstellen als geplant: in Walnussschalen betten wir kleine Christkindlein, unsere Finger sind voller Kleber, so dass Haare, Watte, Sternchen und Glitzer und Deckchen nur schwer an der Stelle bleiben, wo sie hingehören. Doch das Ergebnis war der Mühe wert.
In der letzten Schulwoche vor den Ferien besuchen wir das Haus Curanum. Die Senior:innen sitzen schon bereit für das Konzert, das die Kinder in den letzten Wochen vorbereitet haben: Bajushki Baju, Weihnachten bei den Tieren, Fröhliche Weihnacht, unser Glückslied und natürlich Feliz Navidad. Die Kinder singen laut, voller Enthusiasmus und ernten großen Applaus.
Anschließend überreichen die Kinder jeweils ihrem Briefpaten ein kleines Walnusschristkindlein, manchmal zusätzlich auch ein selbst gemaltes Bild, Blumen.
Zum Ausklang gibt es Waffeln und Kakao, wonach alle im Zuckerrausch, aber glücklich sind, bis auf ein Mädchen, das weint: „Wer kümmert sich um diese alten Menschen, wenn sie was nicht können und sie können nur noch so wenig, und sie sind allein, das tut mir so leid!“
Am nächsten Tag öffnen die Kinder die Wunschbeutelchen, die sie sich zu Beginn des Schuljahres gebastelt haben. Manche lesen ihre Wünsche in der Kinderkonferenz laut vor: weniger Streit mit oder zwischen den Eltern, kein Krieg mehr, weniger Abgase, mehr Ferien, die Natur und die Tiere sollen geschützt werden, mehr Freunde, gute Noten sowie schon erwähnte Weihnachtswünsche. Von uns haben sie zwei kleine Überraschungen darin entdeckt und ich freue mich, wie sehr sie sich über diese Kleinigkeiten freuen können.
Nach den Weihnachtsferien lese ich ihnen „Die Geschichte vom kleinen und vom großen Glück“ vor (siehe unten). Was bedeutet kleines und großes Glück für die Kinder?
Es gibt wenig kleines und viel großes Glück: großes Glück, weil sie Freunde haben und eine Familie, weil sie leben und eine schwarze Katze vor der Haustüre des Ferienhauses lag, kleines Glück, weil die anderen Kinder ihnen von ihrer Brotzeit abgeben, wenn sie keine mehr haben und sie gleich in der Pause Fußball spielen dürfen.
Die Übergänge zwischen kleinem und großem Glück sind fließend.
Gehen Sie, liebe Leser:innen dieser Frage nach, und Sie werden erstaunt über die Antworten sein.
Mitte Februar sehen wir in der Pause nach unseren Schulbeeten, die wir im Dezember winterfest gemacht haben, indem wir die verblühten Pflanzen entfernt und die Erde aufgelockert haben, damit die Frühblüher es im Frühling leichter haben. Und siehe da: ein wirklich großes Glück! Die ersten Primeln und Krokusse recken ihr gelben Köpfe, die Tulpen ihre Stängel aus der Erde.
In den nächsten Stunden geht es um das Thema „Dankbarkeit“:
Am dankbarsten sind die Kinder dafür, dass sie leben – das hat mich überrascht und gerne habe ich es als Anregung für mich selbst übernommen, denn es ist so grundlegend und einfach, dass wir es oft vergessen. Doch auch für Folgendes sind sie dankbar:
- Ich bin dankbar, dass ich klein bin und es noch lange dauert, bis ich groß bin.
- Danke, dass ich so ein tolles Leben habe.
- Danke, dass ich Eltern habe.
- Danke, dass ich bin wie ich bin.
- Danke, Gott, dass es Dich gibt und ich Wasser und Essen habe.
- Danke für die Welt und dass ich geboren bin.
- Danke für Liebe, Herz, Lernen, Schule, Geschwister, Essen, Leben.
Während unserer Nachmittagsstunden sind die Kinder oft zu erschöpft, als dass wir noch mit ihnen arbeiten könnten. So gibt es nun Anleiter:innen, die eine Bastelei anleiten oder einen Tanz: dabei heraus kam neulich ein Glücksrad, das man drehen kann, wenn man traurig ist, und das einem dann etwas Liebes sagt oder eine Aktivität vorschlägt, die einen aufheitern kann.
Ein Mädchen zeigt als „Anleiterin“ den anderen Kindern, wie man aus einem Bogen Papier ein „Dankbarkeitstagebuch“ gestaltet. Darin können die Kinder täglich notieren, wofür sie dankbar sind.
Zwei Mädchen der 2a erfanden einen „Obst und Gemüse Tanz“, den sie ihren Mitschüler*Innen beibrachten. Man tanzt dabei Bananen, Oliven, Melonen…
In der 2b gibt es eine kleine Theatergruppe, die Stücke aufführt, in denen es immer um Ausgrenzung geht. Da diese kleinen Darbietungen chaotisch und etwas langatmig sind, lernen unsere „Schauspieler:innen“ nun einige Grundlagen des Theaterspiels: immer zum Publikum sprechen, laut und deutlich artikulieren, sich vorher eine Handlung mit Höhepunkt und Auflösung überlegen, Mimik und Gestik einsetzen.
Und – bald kommt die Schauspielerin Monika Manz, die aus ihrem Leben und auch vom Theater berichten wird. Denn unsere Senior:innen, die uns eigentlich längst besuchen wollten, haben sich aus Krankheitsgründen entschuldigt, wir erwarten sie, sobald sie wieder gesund sind. Dafür haben die Kinder bereits Fragen in ihrem Glücksheft notiert.
Unser jüngstes Großprojekt entwickelte sich aus einem Lied, das ich den Kindern vorspielte, nachdem wir den Inhalt besprochen hatten.
„Krieger des Lichts“ von der Band Silbermond
Inzwischen haben alle selbstgebastelte Krieger-des Lichts-Kronen, auf denen ihre jeweiligen Krieger-Stärken stehen: Mut, Liebe, Trost, Helfen, Glaube…
Im Rahmen des Demokratieunterrichts befassten wir uns wiederholt mit den Kinderrechten und texteten einen Rap.
Sobald die Kinder Rap und Krieger-des-Lichts-Song gut singen können, werden wir mit den Kronen auf dem Kopf und Herzschild vor der Brust, auf deren einer Seite die jeweilige Herkunft des Kindes und auf der anderen die Worte „Ich bin ein Mensch“ (angeregt von Osama Kezzo, Ganztagespädagoge der ersten Klassen) steht, gemeinsam mit den beiden ersten Klassen des Ganztages in der Aula auftreten. Dieser Auftritt wird gefilmt und der Film anschließend zusammen mit einem Spendenaufruf an die Eltern der Schule und den KJR Dachau versendet, Frau Weber und der Elternbeirat unterstützen die Aktion.
Mein Kollege Osama Kezzo wird das eingenommene Geld an eine Schule in Aleppo, Syrien, weiterleiten, an der seine Schwester als Lehrerin arbeitet, denn hier fehlt es an beinahe Allem. So gibt es für die gesamte Schule beispielsweise nur eine einzige Tafel.
Über einen Zoomcall können die Kinder dann mit der dortigen Schule kommunizieren, vielleicht ergibt sich daraus Weiteres, wir werden sehen.
Demokratie:
Wir haben das Thema „Kinderrechte“ aufgegriffen und befassen uns mit einigen von ihnen intensiver:
Und da wir kurz vor den Wahlen stehen, erscheint mir der geeignete Zeitpunkt, den Kindern einen kleinen Einblick in die Welt der Politik zu ermöglichen, indem sie Begriffe wie Parlament, Abgeordnete, Petition etc. kennenlernen.
Im Zuge dessen schlagen die Kinder Punkte vor, die sie in der Schule verändert haben möchten bzw. sich wünschen:
Handytag mit Fotosession, Tablet-Spiele-Tag, mehr Ferien, weniger Hausaufgaben, Tiere in der Schule, Pyjamaparty, Erlaubnis auf dem Hortfußballplatz zu spielen.
Über jeden Vorschlag diskutieren wir mit Thesen und Pro und Kontras, dann stimmen wir ab, ob ein Vorschlag weiter aufgenommen oder fallengelassen wird.
Nur die letzten beiden Ideen bleiben zuletzt übrig.
Wir wählen einen Schreiber, der sie ordentlich zu Papier bringt und wählen dann in mehreren Durchgängen in jeder Klasse einen ersten und einen zweiten Klassensprechen, nachdem deren Rechte und Pflichten besprochen wurden.
Zu viert ging es dann zu Frau Weber, unserer Direktorin, um sie um einen Termin zu bitten. Gleich am nächsten Tag durften die Klassensprecher ihre Wünsche vortragen. Zu unser aller Freude wurden beide genehmigt, so dass wir nun in die Planungsphase kommen: im Mai soll die Pyjamaparty stattfinden, der Hortfußballplatz ist zu bestimmten Zeiten ab sofort für uns reserviert. Welch ein Erfolg!
Trotz all der glücklichen Ereignisse haben Streit und Handgreiflichkeiten auf dem Schulhof wieder zugenommen. Vielleicht hat es mit dem Winter und mangelndem Licht zu tun. Wie dem auch sei, wir werden vertieft und mit Hilfe der „Giraffensprache“ daran arbeiten, dass wieder mehr Friede einkehrt.
Links:
„Das Märchen vom großen und vom kleinen Glück“